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Nervensystem & Gesundheit
So arbeite ich mit deinem Anliegen: Störung, Lösung und Integration

Du hebst den Arm – und die Bewegung ist mühsam, unsicher oder schmerzhaft. Wie gehe ich damit um? In meiner Arbeit mit Angewandter Neurofunktion beginne ich bei dem, was dir im Alltag schwerfällt. Von dort aus suche ich nach einer beteiligten Funktion, prüfe eine passende Lösung, integriere die gefundene Verbindung und vergleiche anschließend wieder deine Bewegung. Ein mögliches Schulterbeispiel macht diesen Ablauf verständlich.
1. Störung finden, Lösung prüfen, integrieren
Zuerst zeigst du mir deine Armbewegung. Wie weit kommst du? Wo wird es mühsam? Wann treten Schmerzen auf? Wir halten die Ausgangssituation fest, damit wir später dieselbe Aufgabe vergleichen können.
Für eine Bewegung müssen mehrere Funktionen zusammenarbeiten. Gelenke ermöglichen und führen die Bewegung, Muskeln dosieren Kraft, Sensoren melden Lage, Zug und Spannung. Das Nervensystem stimmt diese Aufgaben miteinander ab.
Was bedeutet funktionelle Störung?Eine Funktion ist etwas, das dein Körper tut: zum Beispiel einen Muskel anspannen, eine Bewegung koordinieren oder den Blick auf ein Ziel richten. Eine funktionelle Störung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass eine Teilfunktion oder ihr Zusammenspiel unter bestimmten Bedingungen beeinträchtigt ist.
Wie eine Struktur beschaffen ist und wie ihre Funktion gelingt, sind zusammenhängende Fragen. Auch wenn ein bisheriger Befund deine Beschwerden nicht ausreichend erklärt, suche ich nach einem nachvollziehbaren funktionellen Zusammenhang. Vorhandene medizinische Befunde und Behandlungen beziehen wir dabei ein.
Dafür zerlegen wir die schwierige Bewegung in einzelne Aspekte. Welche beteiligte Information könnte zu deiner Beobachtung beitragen? Die Auswahl einer Prüfung ergibt sich aus deinem Anliegen und den bisherigen Ergebnissen.
Bei einzelnen Prüfpfaden nutze ich einen Indikatormuskel als Testanzeiger. Du hältst eine festgelegte Position gegen meinen angepassten Widerstand. Zuerst prüfe ich seine stabile Ausgangsreaktion. Der Indikatormuskel muss dabei nicht an der schmerzhaften Schulter liegen: Er dient dazu, eine zum Anliegen passende funktionelle Verbindung zu prüfen.
Im möglichen Beispiel bilde ich eine Hautdehnung an der Schulter nach. Die Richtung ist aus deiner Armbewegung abgeleitet: Beim eingeschränkten Armheben wird die Haut in genau diese Richtung gezogen. Mit der dosierten Hautverschiebung prüfen wir also eine Information, die während deiner schwierigen Bewegung tatsächlich entsteht.
Angenommen, der zuvor stabile Indikatormuskel gibt nach diesem Reiz wiederholt nach und hält ohne den Reiz stabil. Diese reproduzierbare Fehlreaktion bezeichne ich im verwendeten funktionellen Prüfpfad als Störung der getesteten Verbindung. Als Nächstes suche ich eine zusätzliche Information, mit der die Haltereaktion trotz des Hautreizes wieder stabil wird.
In unserem Beispiel hilft ein Kontakt am oberen Hals. Der ursprüngliche Hautreiz bleibt für den Vergleich derselbe; mit dem Lösungskontakt hält der Indikatormuskel wieder stabil. Damit haben wir eine funktionierende Kombination gefunden, mit der wir weiterarbeiten können.
Was bedeutet Integration?In meinem Arbeitsmodell beschreibe ich Integration als „Einspeichern“ der gefundenen funktionierenden Verbindung ins Netzwerk. Die zusätzliche Lösung soll anschließend nicht mehr benötigt werden. Dafür gibt es verschiedene Integrationswege; den passenden Weg und Integrationsreiz wähle ich individuell.
Nach der Integration setze ich denselben Hautreiz erneut – ohne zusätzlichen Lösungskontakt. Ich prüfe denselben Indikatormuskel unter den ursprünglichen Bedingungen. Im Beispiel bleibt seine Haltereaktion jetzt stabil.
Dann hebst du wieder den Arm. Gelingt die Bewegung leichter oder weiter? Was verändert sich bei Aufwand und Schmerzen? Über den Indikatormuskel haben wir eine Verbindung verfolgt, die zum Armheben passen kann. Mit deiner ursprünglichen Bewegung prüfen wir, wie sich die Arbeit an dieser Verbindung auf dein Anliegen auswirkt.
2. Was beim Armheben beteiligt sein kann
Der Hautreiz ist eine mögliche Beteiligung. Je nach Anliegen schaue ich auch auf Sehnen, Gelenke und Ansteuerung. Diese Aspekte helfen, die Frage genauer zu stellen und passende Prüfungen auszuwählen.
Haut: Beim Armheben wird sie mitbewegt und gedehnt. Sie ist ein großes sensorisches Organ und liefert Informationen über Berührung und mechanische Veränderungen. Eine Narbe kann in diesem Zusammenhang ebenfalls relevant sein. Im gezeigten Prüfpfad bilde ich die Zugrichtung aus der eingeschränkten Bewegung dosiert nach und vergleiche die Haltereaktion.
Sehnen: Sie übertragen die Muskelkraft auf den Knochen. Sensoren im Muskel-Sehnen-Übergang melden Spannung an das Nervensystem zurück. Je nach Fragestellung beziehe ich auch Sehnenreflexe ein. Ein weiteres mögliches Beispiel: Nach dem Auslösen des Bizepssehnenreflexes gibt ein zuvor stabiler Indikatormuskel am Bein wiederholt nach. Dann verfolgen wir diese auffällige Verbindung weiter und suchen eine passende Lösung.
Gelenke: Ihre Stellung und Beweglichkeit beeinflussen, wie der Arm geführt werden kann. Der Kapsel- und Bandapparat liefert ebenfalls sensorische Rückmeldungen, besonders an den Bewegungsgrenzen. Welche Rolle diese Informationen spielen, prüfe ich passend zur konkreten Einschränkung.
Ansteuerung: Können die beteiligten Muskeln passend aktiviert werden, ihre Kraft dosieren und zusammenarbeiten? Eine Bewegung braucht die Abstimmung dieser Aufgaben. Die Prüfung richtet sich danach, wo diese Abstimmung auffällig wird.
Welche Beteiligung ich zuerst untersuche und wie wir weitergehen, ergibt sich aus deinem Anliegen und den bisherigen Reaktionen. Sehen, Gleichgewicht, Kopf-Körper-Koordination, Atmung oder mentale Aspekte können weitere Suchrichtungen sein. Sie werden dann einbezogen, wenn sich daraus eine konkrete Frage für deine Situation ergibt.
3. Vom Lösungskontakt zur passenden Funktion
Warum kann ein Kontakt am oberen Hals im Schulterbeispiel eine Lösung sein? Der Ort hat einen funktionellen Bezug. Im Bereich der Querfortsätze des ersten Halswirbels C1, auch Atlas genannt, sind unter anderem kleine tiefe Nackenmuskeln befestigt.
Diese Muskeln stabilisieren den Kopf sehr fein. Ihre Sensoren liefern Rückmeldungen über die Kopfstellung. Dazu gehören Muskelspindeln, die Veränderungen der Muskellänge melden. Für einen ruhigen Blick müssen Kopfhaltung und Augensteuerung gut zusammenarbeiten. Die Information aus dieser Region ist deshalb auch für die Augen-Kopf-Koordination bedeutsam.
Ich wähle diesen Kontaktbereich wegen dieses sensorisch-motorischen Zusammenhangs. Im NeuroFI-Modell ist der Kontakt dem Mesencephalon, also dem Mittelhirn, zugeordnet. Die ursprüngliche Hautdehnung an der Schulter und dieser zusätzliche Lösungskontakt erfüllen im Ablauf unterschiedliche Aufgaben.
Es kann sinnvoll sein zu prüfen, ob sich der gefundene Lösungskontakt durch eine zugehörige Funktion ersetzen lässt. Wir gehen dabei vom identifizierten Kontakt zur im Modell zugeordneten Struktur und von dort zur passenden Funktion.
Kontakt → Struktur → FunktionIm Beispiel: Lösungskontakt an C1 → Zuordnung zum Mittelhirn im NeuroFI-Modell → Konvergenz als mögliche zugehörige Funktion. Konvergenz bedeutet, dass sich beide Augen auf ein nahes Ziel ausrichten. Das Mittelhirn ist an ihrer Steuerung beteiligt.
Wenn ich diesen Weg wähle, entfällt der Lösungskontakt und die Augenfunktion kommt hinzu. Den ursprünglichen Hautreiz behalten wir bei. Im Beispiel hält der Indikatormuskel auch mit dieser Kombination stabil. So können wir über die geprüfte Funktion weiterarbeiten.
Der Funktionsersatz ist eine mögliche Vertiefung. Er gehört nicht automatisch zu jedem Termin. Nach der Integration folgt auch hier derselbe Vergleich: ursprünglicher Hautreiz ohne zusätzliche Lösung, danach wieder das Armheben.
4. Warum zusätzliche Information die Reaktion verändern könnte
Ein möglicher Erklärungsweg ist die zeitliche Abstimmung im Nervensystem. Ein neurophysiologischer Bezug dazu ist die kortikomuskuläre Kohärenz, auch kortikomotorische Kohärenz genannt. Bestimmte rhythmische elektrische Signalanteile von Hirnrinde und Muskulatur sind dabei in einem bestimmten Frequenzbereich miteinander gekoppelt und behalten eine stabile zeitliche Beziehung.
Der Gedanke dahinter: Für die Verarbeitung einer Information ist auch wichtig, wann sie ankommt. Nervenzellgruppen sind im Verlauf ihres Rhythmus unterschiedlich aufnahmebereit. In passenden Phasen kann ein Eingang wirksamer verarbeitet werden. Eine solche zeitliche Abstimmung kann eine möglichst ungestörte und zuverlässige Signalübertragung unterstützen.
Die Arbeitshypothese für unser Schulterbeispiel lautet: Die Hautinformation wird zunächst ungünstig verarbeitet; der Indikatormuskel gibt im Test nach. Der zusätzliche Kontakt bringt eine weitere sensorische Information aus dem Zusammenhang von Kopfstellung, Nackenstabilisierung und Blickkoordination ein. Im NeuroFI-Modell wird darüber der Mittelhirn-Bezug einbezogen. Dieser zusätzliche Eingang könnte die Abstimmung verändern, sodass der Indikatormuskel trotz des Hautreizes wieder stabil hält.
Der praktische Vergleich bleibt konkret: ursprünglicher Reiz, Reiz mit Lösung, nach der Integration derselbe Reiz ohne zusätzliche Lösung. Anschließend folgt deine Bewegung. Im Beispiel bleibt der Indikatormuskel nach der Integration stabil; am Armheben vergleichen wir, was sich für dich verändert hat.
Wie wir den weiteren Verlauf einbeziehen
Bleibt eine Reaktion auffällig oder unklar, prüfe ich weiter, welcher Teil des Ablaufs noch Aufmerksamkeit braucht. Auch den Verlauf im Alltag beziehen wir ein. Kommen Beschwerden zurück, kann eine weitere oder übergeordnete Steuerungsverbindung beteiligt sein, die beim ersten Termin noch nicht bearbeitet wurde.
Je nach Ergebnis schaue ich beispielsweise auf funktionelle Versorgungsbezüge des motorischen Kortex, Modulationsfunktionen des Kleinhirns oder mentale Aspekte. Ein Beispiel für mentale Aspekte ist eine Konfliktsituation bei der Arbeit: Treten die Schmerzen in diesem Zusammenhang erneut auf, beziehen wir die Situation und die damit verbundenen Reaktionen in die weitere Prüfung ein.
Passende Übungen können die Arbeit im Termin unterstützen. Sie ergeben sich aus der gefundenen Verbindung und deinem Alltag. Dein Anliegen bleibt der Bezugspunkt: Was beeinflusst die Funktion, welche Lösung passt, und wie verändert sich dadurch deine Bewegung oder dein Beschwerdebild?
Lass uns über dein Anliegen sprechenDu möchtest klären, wie ich mit deinem Anliegen arbeiten kann? Im kostenfreien telefonischen Erstgespräch sprechen wir über deine Situation und den passenden nächsten Schritt. Die hier beschriebene Arbeit mit manuellen Kontakten findet vor Ort in Vilshofen statt.