← Alle Beiträge

Konzentration, Lernen & Nervensystem bei Kindern

Mein Kind braucht ewig beim Abschreiben von der Tafel – woran kann das liegen?

Tino Both · · 6 Min. Lesezeit

Mein Kind braucht ewig beim Abschreiben von der Tafel – woran kann das liegen?
Die Klasse ist fast fertig. Dein Kind hat erst die Hälfte von der Tafel abgeschrieben. Es schaut immer wieder nach oben, sucht die Stelle im Heft und fragt, was es gerade schreiben wollte. Zu Hause kennt es die Wörter eigentlich. „Konzentrier dich doch“ erklärt in dieser Situation wenig.
Warum kann Abschreiben so lange dauern?Abschreiben verbindet mehrere Anforderungen: Text erkennen, den Blick wechseln, bei anderer Entfernung scharf sehen, einen Abschnitt behalten, die richtige Stelle wiederfinden und schreiben. Wenn eine Teilaufgabe viel Aufwand benötigt, kann der gesamte Ablauf stocken. Das bedeutet weder automatisch mangelnde Anstrengung noch eine bestimmte Seh- oder Lernstörung.
Was zwischen Tafel und Heft alles passieren muss
Zunächst muss dein Kind den relevanten Text an der Tafel finden. Dann liest es ein Wort oder einen kurzen Abschnitt. Beim Blick nach unten muss es die passende Stelle im Heft ansteuern, das Gesehene noch verfügbar haben und mit der Hand umsetzen. Danach beginnt der nächste Wechsel.
Die Augen bewegen sich dabei nicht einfach beliebig hin und her. Blicksprünge steuern Ziele an. Die Scharfstellung und das Zusammenspiel beider Augen passen sich an die Entfernung an. Zugleich laufen sprachliche Verarbeitung, Arbeitsgedächtnis und Schreibbewegung. Ein langsamer Ablauf kann an unterschiedlichen Stellen entstehen.
Die Österreichische Ophthalmologische Gesellschaft nennt Probleme beim Abschreiben und beim Entfernungswechsel als mögliche Hinweise, die in einer Sehüberprüfung berücksichtigt werden können. Solche Beobachtungen sind ein Anlass zum Hinschauen, keine Diagnose aus dem Schulheft.
Drei Vergleiche können die Frage genauer machen
Abschreiben neben dem Heft oder von der Tafel?Liegt die Vorlage direkt daneben, ist der Entfernungswechsel kleiner. Klappt das deutlich leichter, lohnt es sich, die Unterschiede zu besprechen: Entfernung, Schriftgröße, Sitzplatz und Blickwechsel. Daraus folgt noch nicht, welcher dieser Faktoren entscheidend ist.
Erkennen oder Umsetzen?Kann dein Kind den Abschnitt gut vorlesen, schreibt ihn aber sehr langsam? Oder kostet schon das Erkennen Zeit? Diese Unterscheidung hilft, Sehen, Lesen und Schreiben nicht vorschnell gleichzusetzen.
Ein kurzer Abschnitt oder eine volle Tafel?Viele Zeilen, enge Abstände und zusätzliche Aufgaben können das Wiederfinden erschweren. Ebenso kann ein längerer zu merkender Abschnitt anstrengender sein. Die Textmenge ist deshalb Teil der Aufgabe, nicht bloß Hintergrund.
Was du mit Lehrkraft und Kind besprechen kannst
Hilfreich sind konkrete Fragen ohne Prüfungston: „Wird etwas unscharf?“ „Findest du die Stelle schwer wieder?“ „Ist das Schreiben anstrengend?“ Manchmal beschreibt ein Kind die Schwierigkeit klarer, wenn es nicht um Geschwindigkeit oder Fehler geht.
Die Lehrkraft kann ergänzen, ob das Problem nur beim Tafelbild, auch bei nahen Vorlagen oder in anderen Fächern auftritt. Ein günstiger Sitzplatz, eine übersichtliche Vorlage oder vorübergehend weniger Abschreibmenge können nach Absprache entlasten. Solche Anpassungen schaffen Raum zum Lernen, während die Schwierigkeiten genauer eingeordnet werden.
Zuhause zusätzliche lange Abschreibseiten zu verlangen, beantwortet die offene Frage häufig nicht. Ein Kind, das bereits erschöpft ist, liefert unter weiterem Zeitdruck eher ein Bild seiner Überforderung als seiner einzelnen Fähigkeiten.
Wie ich die Teilaufgaben funktionell betrachte
In meiner Arbeit mit Kindern geht es um verständliche, kurze Aufgaben ohne Leistungsdruck. Zuerst klären wir, was dem Kind im Alltag schwerfällt und welche Untersuchungen bereits erfolgt sind. Je nach Situation betrachten wir Blickwechsel, Nah-Fern-Wechsel, Orientierung auf einer Vorlage, Körperposition oder eine einfache Handaufgabe. Dabei soll das Kind wissen, was gerade ausprobiert wird.
Beispiel: Ein Zeichen finden, behalten und übertragenStatt sofort einen ganzen Satz abschreiben zu lassen, beginnen wir mit wenigen gut erkennbaren Zeichen. Zuerst liegen Vorlage und Blatt nah beieinander. Danach wird unter vergleichbaren Bedingungen eine andere Entfernung einbezogen. Wir schauen, ob der Blickwechsel, das Wiederfinden oder das Übertragen auffällt. Eine Anpassung wird anschließend an derselben Aufgabe überprüft. Fehler, Anstrengung und das Erleben des Kindes zählen ebenso wie die Zeit. Das ist ein konstruiertes Beispiel, kein standardisierter Schultest.
Wenn eine einzelne Anforderung leichter wird, prüfen wir, ob das auch bei einer kleinen schulnahen Aufgabe etwas verändert. Denn eine gut gelöste Übung allein ist noch nicht dasselbe wie leichteres Abschreiben im Klassenzimmer. Der Alltag bleibt der Bezugspunkt.
Bei einer ergänzenden NeuroFI-Prüfung kommt eine andere Rückmeldung hinzu: Im Kursmodell wird beispielsweise ein Nah-Fern-Reiz gesetzt und anschließend ein zuvor geeigneter Indikatormuskel geprüft. Eine auffällige Reaktion wird weiter differenziert; eine passende Reizkombination wird gesucht, integriert und erneut getestet. Danach zählt wieder die konkrete Aufgabe des Kindes. Der Muskeltest ersetzt weder eine Augenuntersuchung noch eine Lernstandsdiagnostik.
Welche Unterstützung passt zu welcher Frage?
Bei unscharfem Sehen, Doppelbildern, auffälligem Zusammenkneifen der Augen, wiederkehrenden Kopfschmerzen oder bislang ungeklärten Sehproblemen ist eine augenärztliche Untersuchung sinnvoll, gegebenenfalls mit Orthoptik. Ein kurzer Sehschärfetest allein beantwortet nicht jede Frage zum Zusammenspiel der Augen.
Stehen Lesen, Rechtschreiben, Sprache oder Schreibmotorik im Vordergrund, sind je nach Befund schulische Förderung, Lerntherapie, Ergotherapie oder weitere fachliche Abklärung die passenden Bausteine. Neurozentriertes Training kann funktionelle Anforderungen ergänzend betrachten und sollte sich mit diesen Wegen verbinden.
Dabei bleibt die Zielsetzung konkret: angenehmer schauen, eine Aufgabe besser bewältigen, weniger Suchpausen benötigen. Verbesserte Augenfunktionen garantieren keine besseren Schulnoten. In der CITT-ART-Studie zeigte das untersuchte Sehtraining bei Kindern mit Konvergenzinsuffizienz nach 16 Wochen keinen Vorteil gegenüber der Kontrollbehandlung in standardisierten Lesetests. Sehen und Lesen hängen zusammen, sind aber nicht dieselbe Fähigkeit.
Häufige Fragen von Eltern
Ist mein Kind einfach unkonzentriert?Das lässt sich aus langsamem Abschreiben nicht ableiten. Wenn Sehen, Merken oder Schreiben anstrengend ist, kann das von außen ebenfalls wie Unaufmerksamkeit aussehen. Die Aufgabe sollte genauer betrachtet werden.
Der Sehtest war gut. Können Blickwechsel trotzdem schwerfallen?Ein guter Sehschärfewert beschreibt nicht automatisch jede visuelle Teilfunktion. Welche Untersuchungen bereits enthalten waren und ob eine Ergänzung sinnvoll ist, klärt die augenärztliche beziehungsweise orthoptische Fachperson.
Hilft mehr Abschreibtraining?Passendes Üben kann sinnvoll sein. Wenn jedoch eine Teilanforderung ungeklärt schwerfällt, erhöht einfach mehr Umfang möglicherweise nur den Aufwand. Zuerst sollte die Schwierigkeit genauer verstanden werden.
Was soll ich zu einem Termin mitbringen?Eine kurze Beschreibung der Situationen, vorhandene Befunde und bei Bedarf anonymisierte Arbeitsproben helfen. Dein Kind muss nichts vorbereiten oder beweisen.
Verstehen, wo die Aufgabe für dein Kind schwer wirdWenn du die funktionellen Anforderungen genauer betrachten möchtest, findest du Informationen zu meiner Arbeit mit Kindern in Vilshofen. Im kostenfreien telefonischen Erstgespräch besprechen wir eure Beobachtungen und einen passenden nächsten Schritt.
Weitere Kinderthemen im Blog
Quellen und weiterführende Literatur
Deine Daten. Deine Entscheidung.

Was darf mit dabei sein?

Die Website funktioniert ohne optionale Dienste. Mit deiner Erlaubnis helfen Matomo auf unserem eigenen Webspace bei der Besucherstatistik und Google Ads bei der Anzeigenstatistik. Spotify spielt Musik direkt auf der Seite ab.

Unabhängig von deiner Auswahl zählen wir auf dem Server Seitenaufrufe als anonyme Tagessummen, ohne Besucherkennung. Mehr zur Basisstatistik.

Für Matomo werden eine zufällige Besucherkennung und Nutzungsdaten auf unserem Webspace verarbeitet. Bei Google Ads und Spotify können Daten auch in die USA übermittelt werden. Optionale Dienste können Informationen auf deinem Gerät speichern. Deine Auswahl kannst du jederzeit im Footer unter „Datenschutzeinstellungen“ ändern.

Notwendige FunktionenImmer aktiv